Die besondere Schülerfirma

Mit geistiger Behinderung Anschluss an ein normaleres Leben finden

Viele Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung sind „milieugeschädigt“, so nennen es die Fachleute. Eine Schülerfirma in Weimar hilft ihnen, Anschluss an ein normaleres Leben zu finden. Unterstützt wird das von der spendenfinanzierten Stiftung Bildung.

Ein Hof voller Müll, mitten in Weimar. Kinder und Jugendliche räumen Bauschutt zur Seite, sortieren herumliegendes Glas und Metall aus. Das Besondere: „Hier arbeiten Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung – aber die wenigsten sind seit Geburt so“, sagt Christoph Schaffarzyk, Kunsttherapeut am Johannes-Landenberger-Förderzentrum in Weimar. Entwickelt hat sich die Behinderung durch ein häusliches Milieu, das geprägt ist von Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Es fehlen Nestwärme und das Urvertrauen, etwas schaffen zu können.

Aus Abfall wird ein Garten

Holzpaletten werden zu Möbeln (c) Schaffarzyk

Holzpaletten werden zu Möbeln (c) Schaffarzyk

Die praktische Arbeit im Schulprojekt hilft den Kindern und Jugendlichen, Anschluss an ein normaleres Leben zu finden. Mit großem Elan legen sie den Hof frei bis auf das ursprüngliche Pflaster. Wohin jetzt mit der Erde und dem Abfall? „Da kam uns die zündende Idee!“, erklärt Betreuer Schaffarzyk. Ein Teil wird entsorgt. Aus dem Boden, Holzresten und gestifteten Holzpaletten werden Hochbeete. Selbst gezimmerte Gartenmöbel und Insektenhotels kommen hinzu. Langsam wird daraus ein ganzer Garten, eine kleine Oase und „das, obwohl wir den Hof eigentlich nur aufräumen sollten“, lacht der Betreuer.

OMA bekommt eine Außenfläche

Ort des Geschehens ist ein Weimarer Kulturzentrum, die „other music academy„, humorvoll OMA genannt. Hier findet jeden Sommer ein Festival für jiddische Musik und Kultur statt. Durch den Einsatz der Schülerinnen und Schüler gibt es jetzt auch eine attraktive Außenfläche dafür – ergänzt um einen Freiluft-Tresen, der ebenfalls selbst gezimmert wurde. Weiter hinten im Garten landet der Biomüll des Zentrums, nicht weit von den Kräuterbeeten der Küche. Aus alten Fenstern soll bald noch ein Gewächshaus entstehen.

„Einen Euro pro Stunde“

Damit Vorhaben wie dieses reibungslos klappen, hat man am Weimarer Förderzentrum 2015 eigens eine Schülerfirma und einen neuen Schulförderverein gegründet. Nur so können die jungen Leute das kleine Taschengeld behalten, das sie mit ihrer Arbeit verdienen. „Einen Euro pro Stunde bekommen sie“, sagt Schaffarzyk. Das ist eine Aufwandsentschädigung für ehrenamtlich geleistete Arbeit. Doch für die jungen Arbeitskräfte ist es viel mehr als das.

Raus aus dem Teufelskreis

„Das Taschengeld ist ein enormer Anreiz, an den eigenen Möglichkeiten, den Stärken und Schwächen zu arbeiten – und eine riesige Wertschätzung“, erklärt der Betreuer. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei, wie sie sich aus ihrem Teufelskreis der Armut und Vernachlässigung herausarbeiten können. Die kleinen Arbeiten machen Spaß und geben das Gefühl zu einer Gruppe zu gehören.

„Das braucht viel Mut“

Trotzdem ist es für die Kinder und Jugendlichen ein großer Schritt, den geschützten Raum der Schule zeitweise zu verlassen. „Das braucht viel Mut“, erklärt Schaffarzyk. Doch der wird belohnt. Denn am Ende ist ein großes und einzigartiges Erlebnis für sie. Und das bewirkt etwas: „Oft überraschen uns unsere Arbeitskräfte, wenn das erste verdiente Geld zum Beispiel in eine Arbeitshose investiert wird“, freut sich der Betreuer. Oder wenn eine Schülerin, der man es nicht zugetraut hätte, plötzlich in der Lage ist selbstständig Bus und Bahn zu nutzen.

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Die erste Ernte

Bei der Gartenarbeit (c) Schaffarzyk

Bei der Gartenarbeit (c) Schaffarzyk

Früchte trägt auch die Arbeit in einem Garten in Apolda, spätestens als die erste Ernte ansteht. Gerade für Kinder, deren Eltern sich selbst die Lebensmittel im Discounter kaum leisten können, sei das faszinierend. Schaffarzyk: „Plötzlich wachsen aus Resten des letzten Gartenjahres hochwertige, teilweise exotische Pflanzen und wertvolle Lebensmittel, die sorgsam konserviert werden müssen.“ Ein besonderes Erlebnis, das ebenfalls pro Stunde „bezahlt“ wird und hilft. Denn für Kinder mit „Intelligenzminderung“ ist es wichtig zu lernende Dinge unmittelbar berühren zu können.

Bilanz nach drei Jahren

Der große Erfolg gibt dem Konzept der Schülerfirma Recht. Schon ein halbes Jahr nach der Gründung 2015 sind 30 Kinder und Jugendliche dabei. Eine Zahl, die man versucht zu halten, auch wenn laufend neue Anfragen kommen. Doch wer sich durch gutes Benehmen in der Schule für die Mitarbeit qualifiziert, hat gute Chancen. Einige der ersten Arbeitskräfte haben inzwischen ihren Abschluss gemacht, einige kommen nur zu Ferienprojekten, für manche ist es Teil des Schulalltags und einige bekommen unter der Woche Aufgaben, „damit wir ihr Schulessen bezahlen“, erklärt der Betreuer.

Zeigen, was in ihnen steckt

Die Aufgaben werden für die jungen Arbeitskräfte individuell angepasst, je nach Grad der Behinderung und Förderbedarf. Zugleich schaut man, wo ihre Begabungen liegen und welche Berufe ihnen später offen stehen könnten. „Wir wollen zeigen, was in unseren Schülerinnen und Schülern alles steckt“, sagt Schaffarzyk kraftvoll. Wie viel das ist, sieht man nicht zuletzt an der Palette der umgesetzten Aufträge der Schülerfirma. Sie reicht von Grünpflege und Aufräumen bis hin zu kreativen Arbeiten. Da entstehen Schlüsselanhänger für ein Kulturfestival, Spendenboxen für eine Stiftung und sogar Kulissen für ein Theater. Auch Bilder, Graffiti und Illustrationen kann man bestellen.

„Nudeln mit Tomatensoße“

Für Mädchen wurde parallel eine eigene Gruppe gegründet, unterstützt von der spendenfinanzierten Stiftung Bildung. Hier können die Schülerinnen sich in Rollen erproben, die ihnen manche nicht zutraue, erklärt Gruppenbetreuerin Laura Iffland. Entsprechend lebendig ist die Runde. Von Laub aufsammeln bis zum Helfen bei Malerarbeiten sind sie überall dabei. Was sagen die Mitschülerinnen? Die sind etwas neidisch, vor allem weil die Mädchen so viel Spaß haben. Was hat ihnen bisher am besten gefallen? „Das Abkleben, damit die Farbe nicht auf den Boden kommt“, ruft ein Mädchen laut. „Und dass wir zusammen essen!“ Dazu kauft die Betreuerin hin und wieder etwas Obst und Gemüse ein. Doch das Lieblingsessen ist: „Nudeln mit Tomatensoße“, erklären zwei Mädchen einstimmig.

Positive Gegenbilder und Herausforderungen

Selbst gebaute Spendenboxen (c) Schaffarzyk

Selbst gebaute Spendenboxen (c) Schaffarzyk

Die Auftraggeber*innen der Schülerfirma reichen von Kleingartenanlagen, Jugendklubs, Kindergärten und Kulturvereinen bis hin zur Stadt Weimar, Stiftungen sowie Kundinnen und Kunden aus der Wirtschaft. „Durch deren Geduld und Bereitschaft wird unsere Arbeit überhaupt erst möglich“, sagt Schaffarzyk.

Und der Effekt ist riesig: Die Schülerinnen und Schüler können sich in unterschiedlichen Handwerken ausprobieren und lernen ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie kommen in Kontakt mit Menschen außerhalb des Förderzentrums und der Familie. Das vermittelt positive Gegenbilder, zeigt aber auch, welche Herausforderungen ihnen bevorstehen können.

Bunter Knetschleim

Doch Christoph Schaffarzyk ist optimistisch. „Ich bin mir sicher, dass viele Schülerinnen und Schüler auch zukünftig den Übergang in einen Beruf schaffen und ihr Leben in die Hand nehmen.“ Dazu werde die Schülerfirma weiter beitragen – solange es Aufträge gibt. Aber sollten die mal nicht so reinkommen, gibt es ja auch noch andere Einnahmequellen. Die Mädchen-Gruppe etwa produziert als nächstes „Knetschleim“ in verschiedenen Farben, sagt Betreuerin Iffland. „Da stehen die Kids total drauf!“ Verkauft werden soll das Ganze dann auf Flohmärkten – und wer weiß, was sich die Schülerfirma des Johannes-Landenberger-Förderzentrums in Weimar als Nächstes einfallen lassen wird.

So funktioniert das „Bezahlsystem“ der Schülerfirma genau:

Das „Bezahlsystem“ dient als Anreiz sowie zur Dokumentation der Arbeit und es stellt gleichzeitig sicher, dass das Geld den Schülerinnen und Schülern zur eigenen Verfügung gehört.

  • Jede Arbeitskraft hat dazu einen Ehrenamtsvertrag in Leichter Sprache mit der Schülerfirma. Aus dem geht klar hervor, dass es sich um gemeinnützige, ehrenamtliche Tätigkeiten handelt. Im Ehrenamt dürfen auch eingeschränkt geschäftsfähige Menschen aktiv sein.
  • Für jede geleistete Stunde gibt es einen symbolischen Euro, ausgezahlt wird ab der zehnten Stunde. Diese Aufwandsentschädigung kann im Rahmen von Freibeträgen nicht mit Sozialleistungen verrechnet werden. Selbst bei Kindern in stationärer Betreuung darf nichts mit Taschengeldern verrechnet werden. Auch die Eltern haben kein Recht, auf das Geld zuzugreifen.
  • Die Schüler*innen sind nur projektweise für den Trägerverein tätig. Dadurch kann das Finanzamt auch bei größeren Einnahmen nicht auf den Betrieb einer Behindertenwerkstatt schließen und nicht besteuern. Ebenso wird die Aufwandsentschädigung als pädagogisches Mittel gewertet.
  • Für die Dokumentation der geleisteten Arbeit sind die Schülerinnen und Schüler selbst verantwortlich. Auch Schüler*innen mit geringen Schreib- und Lesekompetenzen haben dazu gelernt, sich Unterstützung bei Mitschüler*innen oder Familienangehörigen zu holen.
  • Die Kinder und Jugendlichen haben einen Berichtshefter, in dem sie ihre Tätigkeiten aufschreiben oder -zeichnen. Für jede Stunde erhalten sie einen Stempel von der Betreuungskraft. Gehen Stundenzettel verloren, erfolgt keine Zahlung.
Foto oben: Schaffarzyk / Johannes-Landenberger-Förderzentrum

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